#061

PS:

Dominic Eichler, Brigitte Oetker (Hrsg.)

PS:

Verlag: Sternberg Press
Erscheinungsjahr: 2014
Sprache: Deutsch/Englisch
Seiten: 248
ISBN: 978-3-95679-062-1

Beiträge von: Manuela Ammer, Julie Ault, Monika Baer, Nairy Baghramian, Gerry Bibby, Jennifer Bornstein, Pauline Boudry & Renate Lorenz, Dragana Bulut, Katarina Burin, Françoise Cactus, Leidy Churchman, Ann Cotten, Juan Davila, Dominic Eichler, Elmgreen & Dragset, Yusuf Etiman, Isa Genzken, Susanne Ghez, Margaret Harrison, Daniel Herleth, Annette Kelm, Janette Laverrière, Adam Linder, Lee Lozano, Charlie Le Mindu, Shahryar Nashat, Gina D'Orio, Stephen Prina, Dean Spade, Ming Wong

Inhalt

Vorwort

Der Jahresring ist eine der ältesten kontinuierlich erscheinenden Publikationen für zeitgenössische Kunst und Kultur, die im Nachkriegsdeutschland gegründet wurden. Nach wie vor erscheint uns eine beständige, zum Nachdenken anregende Debatte
wichtig, und wir sehen es als Privileg, solche Diskussionen führen und fördern zu können. Der Jahresring beruht auf einem Experiment und auf einer Einladung. Letztere gilt einem Gastherausgeber‚ der aufgefordert ist, sein Wissen zu einem Thema einzubringen, das für eine umfassendere kulturelle Diskussion relevant ist, und der in diesem Experiment die Gesamtverantwortung trägt. So entsteht diese Zeitschrift notwendigerweise aus Diskussionen und Debatten. Wie bei allen produktiven Dialogen kann es Momente geben, in denen sich Gemeinsamkeiten und Differenzen abzeichnen. Aus unserer Sicht ist dies ein wichtiger und fruchtbarer Prozess, in dem man Risiken eingeht und in aller Ernsthaftigkeit die jeweiligen Standpunkte austauscht.

Der vorliegende Band ist geprägt durch eine intertextuelle und interdisziplinäre Herangehensweise an das Verständnis von Gender und Sexualität. Er bietet einen möglichen Einstieg in eine breitere Diskussion dieses Themas, das ein emanzipatorisches Erbe und eine weitergehende Entwicklung in der westlichen Welt einschließt. Auf den Gebieten der Literatur, der bildenden Kunst und der Musik, der Mode und des Tanzes haben Veränderungen in der Repräsentation von Gender und Sexualität eine intensive, leidenschaftliche und bis heute anhaltende Diskussion ausgelöst - und einige großartige künstlerische Arbeiten entstehen lassen.

Gegenwärtig stößt diese Form der Debatte in unfreien und repressiven Gesellschaften nahezu durchgängig auf reaktionäre Hybris, die missbraucht wird, oft zu entsetzlicher Ungerechtigkeit und skrupelloser Gewalt verleitet oder diese zu kaschieren versucht. Eine globale Folge ist der damit einhergehende Backlash gegen oder das erzwungene Preisgeben von schrittweise hart erkämpften, alles andere als vollkommenen oder gesicherten Fortschritten auf dem Gebiet, das wir als das der universellen Menschenrechte betrachten. Anstatt auf vielfach missverstandene Begriffe wie etwa „Identitätspolitik“, „Feminismus“, „queer“, „Gender Studies“ oder gar „post-queer“ – zu setzen, die manche als zu akademisch abqualifizieren und die ironischerweise den einen zu abgegriffen und den anderen als ein rotes Tuch erscheinen, wählt der vorliegende Band für dieses komplexe Untersuchungsgebiet einen anderen Ansatz: Er unterstreicht die Bedeutung starker individueller Stimmen, bewusst unterschiedlicher Stimmen mit gänzlich verschiedenen Klangfarben und Ausdrucksweisen, die unterschiedliche Subjektivitäten erforschen und sich durch ihre jeweiligen kulturellen Felder artikulieren. Für einige Leser ist womöglich nicht alles, was sie darüber zu sagen haben, wer wir oder sie sind, uneingeschränkt annehmbar. Für andere wird das Territorium, das sie beanspruchen, sehr vertraut wirken.

Überall herrschen fruchtbare Widersprüche, und manchmal kommt das beunruhigende Gefühl einer Entschlüsselung geheimer Codes auf. Zugleich gibt es Momente beinahe situationistischer dätournements — sie beweisen die Fähigkeit, aus gutem Grund anderswo hinzusehen. Können wir beispielsweise den Beleuchtungsapparat der Akropolis (um 1989) mit der gleichen Intensität betrachten wie das historische Bauwerk?

Ein Buch kann man aufschlagen, schließen, wieder aufschlagen, durchblättern, von der ersten bis zur letzten Seite lesen, vergessen und erneut zur Hand nehmen. Man sollte nicht unterschätzen, dass diese Jahresschrift in einer Zeit entsteht. in der mehr Menschen denn je versuchen, ihre Ansprüche durchzusetzen und zudem eine Vielzahl unstimmiger digitale Footprints hinterlassen. Ausgeglichen wird dies durch die Tatsache, dass die digitale Parallelwelt ein weitgehend vom Kommerz beherrschter Raum ist, dessen spezifische Formen und Orte der Sublimierung noch in der Entwicklung begriffen sind.

Die vorliegende Publikation ist sich dieser Kakofonie bewusst und bietet auf ihren Seiten Raum für Reflexionen. Dass sie gewisse diskursive Turbulenzen „des Persönlichen als dem Politischem“ zulässt (um Carol Hanischs berühmten feministischen Slogan zu zitieren), beruht nicht auf dem Wunsch zu provozieren, sondern vielmehr auf dem utopischen Glauben an unsere Fähigkeit, uns vorzustellen, dass sich Freiheit in der notwendigerweise unaufhörlichen Infragestellung von Normen und der damit einhergehenden Kontrollen und Anmaßungen artikuliert. In diesem Sinne ließe sich ein „PS“ oder Postskriptum als ein Ort verstehen, an dem man Intentionen offenlegt oder an dem man Subjektivität oder Personalität, Beziehungen oder Realitäten anerkennt, die in den einzelnen Texten nicht ausdrücklich konstatiert werden, aber in ihnen impliziert sind oder ihnen zugrunde liegen. Wenn wir Text metaphorisch auffassen, können wir vielleicht auch eine bestehende Kultur oder die gegebenen Bedingungen jeglicher kultureller Produktion als einen Text mehrerer Autoren auffassen, der eine endlose Zahl von Postskripta erfordert.

Ein PS ist ein Ort interpersoneller Handlungsmacht, eine bisweilen unwiderstehliche textuelle Geste, die ein „übrigens“, ein „auch“ und ein „Sie wissen schon, worüber wir eigentlich sprechen“ hinzufügen kann. Es kann eine große Geste und eine offene Tür sein und die Energie einer Einsicht besitzen, die im letzten Moment kommt. Es ist ein Modus, der einen klar formulierten nachträglichen Gedanken zulässt und die Möglichkeit bietet, die Taktik oder die Art der Rede zu verändern. Es ist eine subjektive Fußnote, eine Anmerkung oder eine Anmerkung zu einer Anmerkung, die Herstellung eines Bezugsrahmens. Es hat keine Angst, Gefühle oder sogar eine Last-Minute-Liebe auszuposaunen. Es ist reflektiert, ein Aufruf, der Ausdruck des Begehrens. Es macht aus dem vorangegangenen Text ein Palimpsest, die Äußerung des Wunsches, die Dinge immer wieder in einem neuen Licht zu betrachten. Es reagiert auf die vermeintliche Autorität des Textes, dem es angehängt ist, und wirkt auf das bereits Gesagte zurück. Es zeigt die textuellen Leerstellen in etwas auf, das als vollständig galt. Es kann seinen Platz an den Rändern finden oder in einem anderen Stil verfasst sein. Es kann die E-Mail sein, die schnell auf eine andere reagiert, oder die Textnachricht, die spät in der Nacht eintrifft. Ein PS ist naturgemäß kontextbezogen, und es kontextualisiert. Obwohl es als das letzte Wort auftreten kann, ist es dies nie.

Folglich umfasst die 61. Ausgabe des Jahresrings unterschiedliche Formen und formale Möglichkeiten, über zeitgenössische Kunst und Kultur zu schreiben und nachzudenken. Sie enthält eine auf Texten beruhende Ausstellung von Exzerpten, Vorträge, experimentelle Skripts, Interviews und Gespräche von Künstlerinnen und Künstlern, abstrakte performative Transkriptionen von Videoarbeiten, Gedichte, Kurzgeschichten, Absichtserklärungen, biografische Fiktionen Zeitschriften-Features und akademische Beiträge, und dazwischen Kunstwerke, die auf Bildern basieren.

Auch die Autoren haben unterschiedliche Ausgangspunkte, Interessen und Kompetenzen. Unter ihnen befinden sich bildende Künstlerinnen und Künstler aus mehreren Generationen, Choreographen, Dichter, Akademiker, ein Haute-Couture-Haarkünstler, zwei in Berlin lebende Ikonen des Indie-Pop, ein Designer und ein Aktivist. Viele haben in der Vergangenheit im Leben und in der Kulturproduktion verschiedene Funktionen ausgeübt oder tun dies noch immer. Durchgängige Merkmale sind eine gewisse unausgesprochene Anerkennung von Abweichungen, Überlagerungen und eine produktive Verwischung von Charakteren, Rollen, Modi und Disziplinen.

Diese keineswegs enzyklopädisch angelegte Zeitschrift ist voll von Stimmen mit vielfältigen subjektiven Positionen und Klängen, die sich für die Möglichkeit einsetzen, Different herzustellen uns auszudrücken, und die sich manchmal auf die Vergangenheit beziehen, um eine Zukunftsperspektive zu entwickeln. Ihre Art des Engagements würdigt ebenso ausdrücklich wie implizit eine fortschrittliche Auffassung eines überdachten Selbstseins, das durch die Kulturproduktion immer wieder gebrochen und neu konstruiert wird.

Unser Dank gilt den Autorinnen und Autoren und den zahlreichen Beteiligten, die zur Realisierung dieses Buches beigetragen haben. Darüber hinaus möchte der Gastherausgeber anmerken, dass sich die Inhalte, die in diese Ausgabe der Zeitschrift eingeflossen sind, in hohem Maße der jahrelangen Zusammenarbeit mit Michel Ziegler während des Aufbaus der Berliner Galerie Silberkuppe verdanken. Ohne die Debatten, die die Grundlage jener Arbeit bilden, wäre dieses Buch undenkbar. In einem dieser Gespräche ging es um das kulturelle Erbe des Feminismus - nicht als ein vergangener historischer Moment oder als feststehende Ideologie betrachtet, sondern als eine Reihe höchst wertvoller anhaltender Diskussionen und als absolut unerlässlich, aktive Grundlage eines fortschrittlichen gesellschaftlichen Wandels.

Es ist und bewusst, dass wichtige Themen nicht immer gänzlich unumstritten sind. Wir verlangen von der Kultur nicht, uns einen Spiegel vorzuhalten, damit sie uns ein schmeichelhaftes Bild liefert, sondern damit sie uns infrage stellt, selbst wenn wir anderer Meinung sind, und damit sie uns hilft, vermeintlich unveränderbare Bezugssysteme neu zu verhandeln.

Dominic Eichler und Brigitte Oetker